Spuk im Stadtschloss

Hier ist er also, der erste Teil von meinem Projekt 6 in 12 oder so. Die Idee zu dem Projekt habe ich von Jacky übernommen, die sich vorgenommen hat in diesem Jahr 12 Bücher in 12 Monaten zu veröffentlichen. Daran habe ich mich dann doch nicht getraut. Ich versuche es mit der Hälfte. Und zunächst auch nur mit Kurzgeschichten.

 

Spuk im Stadtschloss ist eine Geistergeschichte, spielt also wieder im Bereich der Phantastik. Oder ist das schon Fantasy? Sie hat, wie viele meiner Geschichten, ein sehr überraschendes Ende und einen Hauptcharakter, der typisch für mich ist.

Hier ist eine kleine Leseprobe:

 

1. Geisterstunde

Meine Schritte hallten dumpf von den kalten Mauern der schmalen Gasse wieder, durch die ich gerade ging. Die Häuser standen dicht an dicht gedrängt nebeneinander, als suchten sie bei ihren Nachbarn Schutz vor dem schlechten Wetter. Der Himmel über mir, nur als schmaler Streifen zwischen den Giebeln zu erkennen, war ebenso schwarz und dunkel, wie die Gasse. Weder eine Laterne beleuchtete den Weg, noch fiel aus einem der vielen kleinen Fenster Licht in die Gasse.

Als ich aus der Gasse auf die Straße trat, traf mich der Wind mit voller Wucht, der am Himmel die dunklen Regenwolken vor sich her trieb. Im Licht der wenigen Straßenlampen schimmerte die Straße noch feucht. Es hatte erst vor kurzem aufgehört zu regnen, was meine nassen Haare und Schultern bewiesen, und vor mir flog eine weiße Plastiktüte in kleinen Kreisen durch die Luft. Obwohl es noch nicht sehr spät in der Nacht war, schien die Straße ausgestorben. Nur in einigen Fenstern brannte Licht, die meisten Häuser lagen dunkel da und wirkten wie verlassene Kokons, aus denen jegliches Leben gewichen war.

Der Herbstwind ließ die Wolkendecke über mir aufreißen und hindurch schien der silbern glänzende Vollmond, der die unheimliche Stimmung nur noch verstärkte. Hätte ich an Geister geglaubt, dies wäre die richtige Nacht gewesen, um einem von ihnen zu begegnen. Doch obwohl ich nicht an Geister, Gespenster oder sonstige Spukgeschichten glaubte, trugen mich meine Füße von ganz allein zum alten Stadtschloss. Es stand mitten in der Stadt auf einem kleinen Hügel, umgeben von einem Park, in dem der künstliche Wasserfall bereits für den Winter abgestellt war. Neben dem Schloss stand der Gerichtsturm, ein weithin gut sichtbares Merkmal unserer Stadt, an dessen Spitze der Vollmond wie auf einer Gabel aufgespießt zu sein schien. Daneben standen noch einige neuere Gebäude, die das Gericht beherbergten, das auch in einem Teil des alten Stadtschlosses untergebracht war.

Das Schloss war bereits mehr als 500 Jahre alt und hatte eine wechselvolle Geschichte erlebt. Während der Jahrhunderte war es dreimal in Stadtbränden abgebrannt und hinterher wieder aufgebaut worden, es hatte als Stadtresidenz eines Fürsten gedient, war Sommerhaus einer Prinzessin gewesen, hatte im Krieg als Lazarett und schließlich bis vor zwanzig Jahren als Gefängnis herhalten müssen.

Doch egal wer darin gewohnt hatte oder was darin untergebracht gewesen war, es gab einen Teil des Hauses, den man niemals bewohnt hatte, und in dem auch heute keine Büros untergebracht waren. Im Nordflügel des Stadtschlosses sollte es spuken, so erzählte man es sich jedenfalls schon seit Generationen in der Stadt. Die ersten Berichte über Geistererscheinungen und Spuk hatte es angeblich schon vor 500 Jahren gegeben, aber durch die Stadtbrände waren nicht viele dieser alten Aufzeichnungen erhalten geblieben.

Ich schaute vom Fußweg aus durch den Park auf das jetzige Gerichtsgebäude. Alle Fenster waren geschlossen und dunkel, die Mitarbeiter längst alle nach Hause gegangen.

Mir lief die Nase, wie so oft bei dem herbstlichen Wetter und ich suchte in meinen Taschen ein Taschentuch. Doch alles was ich fand war eine große Kugel aus zerknülltem Papier, die in meiner rechten Jackentasche gesteckt hatte.

Da war er, der Grund dafür, dass ich so viel über unser Stadtschloss wusste, obwohl ich mich nie dafür interessiert hatte. Und dafür, dass mich meine Beine wie von selbst hierher getragen hatten. Fest in meine Faust gedrückt zog ich die Papierkugel langsam aus der Tasche hervor. Inzwischen hatte ich die Blätter schon so oft zerknüllt und wieder geglättet, dass die Schrift an vielen Stellen nicht mehr zu lesen war. Aber das tat nichts zur Sache. Zumindest den Inhalt des Briefes kannte ich längst auswendig.

„Sehr geehrter Herr ..., wir freuen uns Ihnen mitteilen zu dürfen, dass Sie zu den ausgewählten Personen gehören, die unsere diesjährige Geisterjagd im Stadtschloss von ... als Experten begleiten werden. Beiliegend finden Sie alle Informationen und Daten, die Ihnen eine bestmögliche Vorbereitung auf dieses Abenteuer erlauben. Bitte finden Sie sich zum angegebenen Zeitpunkt mit ihrer vollständigen Ausrüstung am vereinbarten Treffpunkt ein. Hochachtungsvoll, Ihr ..., Vorsitzender der Gilde der Geisterjäger von ...“