Shorts - kurze Geschichten für zwischendurch

Fr

27

Jun

2014

Das Monster

Ich gehöre zu den Menschen, die sich auch dann noch wundern, wenn das Toastbrot zum hundertsten Mal auf der Marmeladenseite landet. Jeden Tag erwarte ich, dass die Steine, die ich in die Luft werfe, nicht auf den Boden fallen, sondern über meinem Kopf schweben bleiben oder sogar in die Wolken hinauf steigen, immer weiter und weiter. Mein Himmel wird von Drachen bewohnt und ich sehe häufiger weiße Katzen als andere. Vielleicht war ich deshalb nicht besonders überrascht, als mir vorgestern etwas passierte, das andere sicherlich als merkwürdig bezeichnen würden.

Schon in meinem Lieblingsbuchladen fühlte ich mich beobachtet. Und als ich durch die engen, bevölkerten Straßen nach Hause ging, wurde dieses Gefühl noch stärker. Doch so sehr ich mich auch umschaute und versuchte meinen Verfolger zu entdecken, ich konnte nichts Verdächtiges erkennen.

Zum Glück ist das Haus in dem ich wohne eins von denen, deren Tür man nur mit dem passenden Schlüssel öffnen kann. Ich ging davon aus, dass ich in Sicherheit wäre, sobald die Tür hinter mir ins Schloss gefallen war.

Bevor ich die Tür aufschloss, sah ich noch einmal die Straße hinauf und hinab, es war nichts zu erkennen, das mir Angst machte. Ich trat schnell ein und ging zu meinem Briefkasten, der neben vielen anderen an der Wand hing. Doch es fehlte das Geräusch der Tür. Noch nie hatte ich sie so langsam zu gehen sehen. Zu langsam. Denn noch bevor der Türspalt nur noch wenige Zentimeter groß war, tauchte vor der Tür der Schatten eines rot und blau gekleideten Monsters auf.

Woher ich wusste, dass es rot und blau gekleidet war? Tatsächlich wusste ich es in diesem Augenblick noch nicht, denn ich kann ja nicht durch Türen hindurch sehen. Aber im nächsten Augenblick stand das Monster im Flur und sein Anzug erinnerte mich entfernt an eine bekannte Comicfigur. Nur war dies hier ganz sicher kein Retter in der Not, sondern ein unförmiges Monster, das gurgelnde Laute von sich gab.

Ich beschloss es zu ignorieren und widmete mich konzentriert meinem Briefkasten und der Post, die er enthielt. Langsam ging ich Brief für Brief durch und blätterte sogar in der Werbung. Das Monster nahm keine Notiz von mir.

Dann fiel einer der Briefe zu Boden. Schlagartig stand es hinter mir und vermaß mich mit seinen Händen. Ich dachte ich würde seinen Atem spüren oder das Monster riechen können. Aber da war nichts außer meinem klopfenden Herzen, den gurgelnden Lauten des Monsters und seinen Händen, die meine Größe und Breite maßen.

Da ich scheinbar nicht dem entsprach, was das Monster suchte, ließ es mich und meine Post unbehelligt stehen und stieg langsam die Treppe hinauf. An jedem Absatz blieb es stehen und, nun ich weiß nicht was es machte.

Vielleicht vermaß es die Türen, die Namensschilder oder Klingeln. Vielleicht erschnupperte es die Bewohner hinter den Türen. Es roch die frischgebackenen Kekse bei Frau Müller, sah die namenlose Tür bei Herrn Oskar und die vielen Schuhe vor der Tür von Familie Bonke. Auch an meiner Tür ging es vorbei und stieg noch höher hinauf.

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht zu wem das Monster wollte. Auch nicht, wie lange es brauchte und wann es wieder zurückkommen würde. Aber ich wusste sehr genau, dass ich ihm kein zweites Mal begegnen wollte. Also entschied ich mich dafür, wieder aus dem Haus zu gehen und im Café gegenüber zu warten, bis das Monster unser Haus wieder verließ.

Es dauerte bis ich meinen Milchkaffe mit der leckeren Zimt und Zuckerhaube zur Hälfte getrunken hatte, dann kam das rotblaue Monster endlich aus meiner Haustür.

Etwas an seinem Anblick hatte sich verändert. Es schien nicht mehr so unförmig zu sein wie bei unserer ersten Begegnung und machte einen gefestigteren Eindruck auf mich. Das Gesicht hinter seiner Maske, strahlte eine Zufriedenheit aus, die ich auch im Café noch spüren konnte. Es hatte seine Aufgabe erfüllt, seinen Plan ausgeführt und zog sich nun langsam zurück in sein Versteck.

Gemächlich trank ich meinen Milchkaffee aus und ging nach Hause. Ohne das Gefühl verfolgt zu werden.

Heute nun stand die Polizei vor meiner Tür. Sie befragten jeden im Haus. Ein Herr Ludwig, er wohnt zwei Stockwerke über mir, war verschwunden. Er war nicht zur Arbeit erschienen, ging nicht ans Telefon und hatte einen wichtigen Termin bei seinem Anwalt verpasst.

In seiner Wohnung fanden sich weder Spuren eines Verbrechens noch Hinweise auf seinen Verbleib. Auch sein Geld und sein Reisepass lagen sicher verstaut in einer Schublade.

Die einzige Spur, wenn man es so nennen kann, waren die farbigen Handbadrücke, die überall im Treppenhaus verteilt waren. Unter jedem Fußabtreter fand sich ein roter Handabdruck, nur unter dem von Herrn Ludwig hatte man einen blauen Abdruck gefunden.

Natürlich habe ich der Polizei nichts von dem Monster erzählt. Seien Sie ehrlich, hätten Sie es erzählt? Hätten Sie mir geglaubt?

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