Der Mann im Küchenschrank

Was tun, wenn plötzlich der eigene Küchenschrank zu sprechen beginnt? 1. Mit viel Schokolade im Bett verstecken. 2. Alles verdrängen. 3. Sich darauf einlassen. ...Und dann?

 

Manchmal geschehen Dinge, die uns am eigenen Verstand zweifeln lassen. Und manchmal sind es gerade diese Dinge, die uns klar machen was uns im Leben fehlt. Der Ich-Erzählerin in dieser Geschichte passiert genau das: Eines Tages fängt ihr grüner Küchenschrank plötzlich an mit ihr zu reden. Verliert sie den Verstand? Oder gibt es eine natürliche Erklärung für dieses Phänomen?

Auch wenn die Geschichte humorvoll daherkommt, geht es doch um ein ernstes Thema ...

 

Hier ist eine kurze Leseprobe, ein längere kann man hier oder da finden oder weiter unten downloaden :) Viel Spaß beim Lesen!

 

… Auftritt des kleinen Mannes …

 

Vor einiger Zeit wohnte  in einem der Schränke in meiner Küche ein kleiner Mann. Genau genommen wohnte er in dem Schrank, in dem ich meine Teller, Schüsseln und Tassen aufbewahre.

Eines Morgens, ich hatte eine besonders kurze Nacht hinter mir, da ich unbedingt eine Deadline einhalten musste, tappte ich verschlafen in die Küche, um mir meinen allmorgendlichen Milchkaffee zu brauen. Meine Haare waren ein wirres Chaos aus brauen Locken. An meinem Schlafanzug fehlten zwei Knöpfe und einen meiner Socken musste ich auf dem Weg vom Bett zur Küche verloren haben. Es muss ein furchtbarer Anblick gewesen sein und trotzdem grüßte mich eine tiefe Männerstimme mit einem fröhlichen "Guten Morgen!", das mir aus dem Schrank entgegen schallte, aus dem ich gerade eine Tasse nehmen wollte.

Nur aus Reflex antwortete ich mit sehr viel verschlafenerer Stimme und wesentlich weniger Fröhlichkeit "Guten Morgen" und schloss die Schranktür. Erst dann wurde mir klar, was so eben passiert war und ich hielt mitten in meiner Bewegung inne.

 

… Kaffee braucht der Mensch …

 

Die Tasse noch in der Hand, sie einige Zentimeter über der Ablage haltend, stand ich da und versuchte den Ablauf in meinem Kopf noch einmal nachzuvollziehen.

Dass die Stimme wirklich aus meinem Küchenschrank kam, konnte ich mir nicht vorstellen, also drehte ich mich langsam um und schaute mich in der Küche und dem daran anschließenden Wohnzimmer um. Natürlich konnte ich dort niemanden entdecken, wer außer mir hätte auch in meiner Wohnung sein sollen?

Wie um meine Halluzination zu überprüfen, öffnete ich erneut langsam die Schranktür. Die Tasse hielt ich immer noch in meiner Hand.

 

"Sie haben wohl in der letzten Nacht nicht so gut geschlafen oder?"

 

Die Tür hatte nur einen kleinen Spalt breit offen gestanden und ich ließ sie wieder zufallen. Teller und Tassen schepperten leise im Schrank und ich setzte endlich die Tasse ab, die ich noch immer in der Hand gehalten hatte. Ich ließ den Schrank Schrank sein und setzte mir Wasser für den ersten Kaffee meines Tages auf.

 

 … das Unvermeidliche ignorieren …

 

Erst als sich das herrliche Aroma langsam in meiner Wohnung ausbreitete und ich mit einer Fußballzeitung aus der letzten Woche in meinem Lieblingssessel in der Stube saß, warf ich einen misstrauischen Blick zurück in die Küche und zu meinem Schrank. Er hing wie immer an der Wand, die dunkelgrüne Farbe war an einigen Stellen schon stumpf geworden und an der linken Tür fehlte an der oberen rechten Ecke ein kleines Stückchen Holz. Der Schrank sah aus wie immer. Nur hatte er vorher noch nie mit mir gesprochen.

 

Für den Rest des Tages ignorierte ich den Schrank so gut wie möglich. Zum Glück hatte ich noch Geschirr und Besteck aus den letzten Tagen im Geschirrspüler, den auszuräumen ich bis jetzt zu faul gewesen war. Nach einem guten Frühstück setzte ich mich wieder an meine Arbeit und bald hatte ich den Küchenschrank total vergessen.

Den ganzen Tag über passierte nichts Außergewöhnliches. Nichts, was dem sprechenden Schrank gerecht wurde oder auch nur halbwegs angedeutet hätte, dass der Wahnsinn mich schließlich doch in seinen Fängen hatte.

 

… Schokolade …

 

Erst spät in der Nacht, als ich auf der Suche nach Schokolade war, die ich in der ganzen Wohnung vor mir selbst versteckt hatte, öffnete ich unvorsichtiger Weise den grünen Küchenschrank. Ich war mir sicher, dass hinter den Tellern noch mindestens eine Tafel weißer Schokolade liegen musste.

Als ich die Tür schwungvoll öffnete, tönte mir wieder die tiefe Männerstimme entgegen.

 

"Nun meine Liebe, wie war Ihr Tag heute? Arbeiten Sie denn immer bis spät in die Nacht? Das ist nicht gesund, wissen Sie das? Sie sollten unbedingt etwas daran ändern."

 

Die weiße Schokolade lag direkt hinter der Tür. Vorne am Rand. Dort, wo ich sie mit Sicherheit nicht hingelegt hatte.

 Blitzschnell schnappte ich mir die Tafel, schmiss die Schranktür wieder zu und lief so schnell es ging in mein Schlafzimmer, versteckte mich unter der Bettdecke und aß, um mich zu beruhigen innerhalb von zehn Minuten die halbe Schokolade auf.

 

 

Der Mann im Küchenschrank - Leseprobe.pd
Adobe Acrobat Dokument 443.1 KB