Langsam lüftet sich das Geheimnis um Lanas blauen Stein, doch es droht neues Unheil und sie lernt die rätselhafte Welt der Dämonenjäger kennen.

 

Nach dem erneuten Angriff der Dämonen und der Entführung von Thomas, findet Lana nur langsam in den Alltag zurück. Meister Jun versucht gemeinsam mit ihr hinter das Rätsel ihres Steins zu gelangen und Meister Park holt zusätzliche Wächter an seine Schule, um Lana zu beschützen. Mit einem von ihnen, Cat, verbindet Lana schon vom ersten Treffen an ein tiefes Gefühl der Freundschaft. Er erweist sich als guter Zuhörer, weiser Ratgeber und versierter Geschichtenerzähler. Nachts trifft sie sich mit ihm am Fuß der Schultreppe, tagsüber versucht sie ihre düsteren Ahnungen durch Aufmerksamkeit im Unterricht zu verdrängen. Endlich, nach vielen Wochen der Frustration, gelingt es Lana ihren ersten Zauber zu sprechen. Dabei brennt sie zwar voller Euphorie beinahe das ganze Schulhaus ab, doch das trübt ihre Freude nur wenig. Entspannt sieht sie den nächsten Prüfungen entgegen, nur der Elemententest macht ihr Sorgen. Doch auch den besteht sie am Ende mit Bravur und genießt zusammen mit ihren Freunden das folgende Schneefest. Für eine Weile vergisst Lana die Dämonen und ihre Bedrohung, bis es fast zu spät ist. Die Dämonenwolke greift noch einmal an, unterstützt von Kitahara, dem Zauberer, der es auf Lanas Stein abgesehen hat. Als Lana ihm gegenüber steht, ist sie bereit alles zu riskieren, um ihre Freunde und die Schule zu beschützen. Aber wird das reichen, um die Dämonen und Kitahara zu besiegen?

Als Leseprobe gibt es hier das erste Kapitel, eine längere findet ihr bei Neobooks oder Amazon, ihr könnt sie aber auch einfach hier downloaden.

 

Viel Spaß beim Lesen!

 

Leseprobe Blaues Wasser
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Blaues Wasser - Kapitel 1 - Neue Fragen


Im Flur der Schule wartete Schwester Nao schon auf Lana. Sie hatte Mia und Sol versorgt und ihnen einen Schlaftrunk gegeben, damit sie bis zum nächsten Morgen tief schliefen und sich erholen konnten.

Schwester Naos Wangen glühten vor Aufregung und Spannung. Doch ihre Augen, die sonst immer freundlich strahlten, hatten ihren Glanz verloren. Sie wirkten seltsam stumpf auf Lana, die es für eine Folge des Dämonenangriffs hielt.

In ihrem Arm trug Schwester Nao neue, trockene Sachen für Lana und führte sie in ihr eigenes Zimmer. Lana, die noch nie in Schwester Naos Zimmer gewesen war, schaute voller Verwunderung auf die Badewanne, die mitten im Raum vor einem Kamin ähnlich dem, den Lana schon aus Meister Juns Zimmer kannte, stand und in der das Wasser mit rosa gefärbtem Schaum bedeckt war.

„Keine Sorge, die Wanne steht nicht immer hier. Aber unten im Haus ist der Teufel los, als wären die Dämonen und Geister nicht nur durch den Garten, sondern auch durch das ganze Haus gefahren. Als ihr in die Wolke hinein gelaufen seid, konnte sie plötzlich jeder von uns sehen. Du hättest die Panik sehen sollen, die hier ausbrach. Meister Haine hatte Mühe hier wieder Ordnung herzustellen. Unten ist jedenfalls immer noch viel Trubel, dort würdest du nicht zur Ruhe kommen, also habe ich mein Zimmer ein klein wenig modifiziert. Nur weil ich noch in der Ausbildung bin, heißt das ja nicht, dass ich nicht zaubern kann, oder? Hier bist du jedenfalls ungestört. Genieße das Bad, ich hole dich in einer Stunde wieder ab, in Ordnung?“

Lana hatte nur kurz genickt und war erleichtert gewesen, dass Schwester Nao gleich danach ihr Zimmer verlassen und ihr kein längeres Gespräch aufgezwungen hatte.

Jetzt ließ sie sich langsam in den rosa Schaum und das heiße Wasser, das sich darunter verbarg, hinein gleiten. Rosa war keine der Farben, die Lana besonders mochte, aber der Duft, der von dem Schaum ausging, beruhigte ihre Nerven. Es war ein Duft, wie er an einem heißen Sommertag von einer wilden Blumenwiese herüber wehte, süß und schwer.

Das heiße Wasser brannte an Lanas Füßen und Beinen, aber sie ignorierte den Schmerz so gut sie konnte. Er lenkte sie nur von dem Kummer ab, den sie in ihrem Innersten fühlte, aber Lana wusste, dass es an der Zeit war, diesem Gefühl Raum zu geben.

Obwohl Lana sich mit Thomas während der kurzen Zeit, die sie gemeinsam an Meister Parks Schule verbracht hatten, nie wirklich gut verstanden hatte, empfand sie seinen Verlust wie den eines guten Freundes. Mit seinen Sticheleien, seinen Schimpftiraden, seinen Beleidigungen und dem schon fast rituellen Diebstahl von Lanas Schularmband, war er ihr trotzdem ans Herz gewachsen.

Lana fand es merkwürdig, trauriger über sein Verschwinden zu sein, als über den Tod ihres Vaters, mit dem sie sich noch immer nicht richtig auseinander gesetzt hatte. Erst jetzt wurde ihr klar, wie sehr sie ihre Gefühle in den letzten Monaten verdrängt hatte und erkannte darin auch einen Grund ihrer anfänglichen Frustration.

Vor ihren Augen vermischten sich die Bilder von ihrem Dorf, das in Flammen stand, mit denen der Dämonenwolke. Sie sah Thomas am Boden liegen und seine Hand hilfesuchend nach ihr ausstrecken und dann plötzlich ihren Vater, wie er gesund und munter mit ihr durch die Berge wanderte.

Wie mit einem Ruck löste sich plötzlich das beklemmende Gefühl in Lanas Brust. Die Bilder vor ihren Augen verschwommen immer mehr durch Lanas Tränen, bis sie den Anblick nicht mehr ertragen konnte, die Augen schloss und unter Wasser tauchte. Das heiße Wasser umfing Lanas Körper, so wie die Dämonenwolke sie umgeben hatte, und tilgte ihre Spuren.

Kein Geräusch drang mehr an Lanas Ohren und schließlich wagte sie es, unter Wasser die Augen zu öffnen. Statt des rosa gefärbten Wassers erblickte sie ein leuchtendes Himmelblau, in dem ihr Stein, der an seiner Kette vor ihr im Wasser trieb, beinahe verschwand.

Wieder sah sie ein Bild ihres Vaters vor sich, er lächelte Lana an und versuchte ihr etwas zu sagen, aber Lana konnte ihn im Wasser nicht hören. Sein Bild wich dem von Thomas, wie er den Papierbären in der Hand hält, den Lana ihm heimlich geschenkt hatte.

Ein letztes Bild erschien vor Lanas Augen im Wasser, als ihr Stein ein dunkles Blau annahm, ein Blau, fast so schwarz wie die Nacht. Vor ihr, im Wasser der Badewanne, zog der blaue Phoenix aus der Quelle in den Bergen seine Kreise. Lana konnte deutlich sein Lied hören, das zu Beginn eine traurige Melodie hatte, um schließlich in einem übermütigen, fröhlichen Trillern auszuklingen.

Atemlos tauchte Lana auf und wischte sich den Schaum aus dem Gesicht, den ihre Tränen ebenfalls blau gefärbt hatten. Sie wusste nicht wie lange sie unter Wasser geblieben war, doch inzwischen hatte sich das Wasser merklich abgekühlt. Deshalb hielt es Lana für besser, aus dem Wasser zu steigen und sich anzuziehen, sollte Schwester Nao im nächsten Moment in der Tür stehen.

 

Gerade als Lana ihre zweite Socke anzog, die in roten und grünen Streifen geringelt war, klopfte es an der Tür und Schwester Nao kam herein. Lana fiel sofort auf, dass ihre Augen den alten Glanz noch immer nicht zurück erlangt hatten und fragte sich, ob mehr dahinter steckte als sie zunächst vermutet hatte.

„Ah, du bist ja schon fertig. Und wie ich sehe, hast du den Schaum auch gleich neu eingefärbt. Hast du meine Badesalze gefunden oder war da Magie im Spiel? Ja, es hat sich schon im ganzen Haus herum gesprochen, Lana, du hast plötzlich deine magischen Kräfte entdeckt. Das war ja nur eine Frage der Zeit. Wobei ich mich immer noch frage, warum du als einzige diese schreckliche Wolke da draußen sehen konntest. Vorhin konnte man sie sogar auf unserer Karte unten in der Eingangshalle deutlich erkennen. Es war schon unheimlich zu sehen, wie sie sich über die Berge schlängelte. Im Moment ist sowohl auf der Karte als auch draußen alles ruhig. Aber es bewegen sich einige Punkte hierher. Ich denke in den nächsten Tagen werden hier an der Schule und vor allem in den Bergen weitere Wächter und Zauberer eintreffen. Das wird herrlich, endlich ein paar neue Gesichter und neue Geschichten, denen man lauschen kann.“

Lana sah Schwester Nao verwundert an. Die junge Heilerin könnte sich an Meister Parks Schule langweilen oder dort nicht genug Abwechslung finden, wäre ihr nie in den Sinn gekommen. Als hätte sie Lanas Gedanken erraten, sprach Schwester Nao schnell weiter.

„Versteh mich nicht falsch Lana, ich liebe meine Arbeit hier an der Schule! Die Lehrer hier sind kluge und interessante Zauberer, von denen ich viel lernen kann und auch die Schüler sind mir alle ans Herz gewachsen. Doch seit ich hier bin, habe ich die Schule und ihre direkte Umgebung noch nie verlassen, sehe tagein tagaus immer dieselben Menschen um mich herum. Meister Park fährt nur einmal im Jahr, in den Sommermonaten, mit seinem Wagen durch die kleinen Dörfer entlang der Berge, um neue Schüler hierher zu holen. Die Tage nach seiner Rückkehr sind, neben unseren Feiertagen, die schönsten für mich. Bald ist wieder so ein Tag, ein Fest, das du vermutlich noch nicht kennst, das Schneefest. Aber ob Meister Park es überhaupt feiern lassen wird, nach dem heutigen Vorfall? Zum Glück ist dir nichts passiert, Lana! Und du konntest sogar Mia und Sol retten. Nur Thomas…“

Nach diesen Erklärungen verstand Lana Schwester Nao ein bißchen besser. Trotzdem kam ihr an Schwester Naos Verhalten immer noch etwas seltsam vor. Sie schien nicht ganz sie selbst zu sein.

Dazu kam ihre eigene Ungeduld, endlich das Gespräch mit Kenta, Meister Jun und Meister Park hinter sich zu bringen. In einer anderen Situation hätte sie sich noch weiter mit Schwester Nao unterhalten, um ihrem merkwürdigen Gefühl auf den Grund zu gehen, doch jetzt fiel Lana ihr mit nur geringem Unbehagen ins Wort.

„Bitte Schwester Nao, es tut mir leid, wenn ich Sie unterbreche, aber kann ich jetzt zu Meister Jun gehen?“

„Zu Meister Jun? Aber er ist in einer Besprechung mit Meister Park und Kenta, was auch immer er mit der Sache zu tun hat. Er hat auch extra betont wie wichtig es ist und sie auf keinen Fall zu stören.“

„Aber er hat vorhin zu mir gesagt, ich solle zu ihm, Kenta und Meister Park kommen, sobald ich mich aufgewärmt habe.“

„Bist du dir wirklich sicher? Hat er nicht vielleicht von morgen gesprochen, Lana?“

„Warum sollte ich mir nach diesem Tag so etwas ausdenken? Ich bin mir sicher, er genau das gesagt. Aber wenn Sie mir nicht glauben, können Sie ja mit nach oben kommen und ihn fragen.“

„Sei mir nicht böse, Lana, aber genau das werde ich machen. Also komm.“

Langsam folgte Lana Schwester Nao zum Zimmer von Meister Jun. Sie fragte sich wieder, ob heute alle um sie herum verrücktspielten. Erst Mia, die ihre Hand nicht loslassen wollte und jetzt Schwester Nao, die sie sonst immer unterstützt hatte, mit ihrem seltsamen Verhalten. Es schien, als ob sie beide am Morgen ein Stück von einem schlechten Kuchen genascht hatten.

Zum Glück waren es nur wenige Schritte bis zu Meister Juns Zimmer und Lana wurde durch Schwester Naos Klopfen schnell wieder aus ihren trüben Gedanken gerissen.

„Komm rein, Lana.“ Erklang deutlich die Stimme von Meister Jun. Doch als ob sie es nicht gehört hatte, öffnete Schwester Nao die Tür und ging hinein.

„Ach, Sie sind es, Schwester Nao. Gibt es etwas Dringendes? Ich hatte doch angeordnet uns  nicht zu stören.“

„Ja Meister Jun, ich weiß, aber Lana ist hier und sie behauptet steif und fest, Sie hätten ihr gesagt, sie solle zu Ihnen kommen sobald sie sich erholt hat.“

„Das ist auch so, also lassen Sie Lana schon herein. Und trinken Sie etwas von dem guten Kräuterschnaps, den unsere Köchin Luci extra aus dem Keller hervorgezaubert hat. Der hilft am besten gegen die Nachwirkungen des Dämonenangriffs. Herein mit dir Lana, dein Sessel wartet schon auf dich, und eine Tasse mit heißem Kakao steht hier auch schon für dich bereit.“

Lana quetschte sich an Schwester Nao vorbei, die immer noch in der Tür stand und nicht recht wusste, was sie von Meister Juns Kommentar halten sollte. Schließlich gab sie einem inneren Impuls nach und schloss die Tür leise hinter sich.

Als sie sich umdrehte, sah sie sich kurz in Meister Juns Zimmer um, das sich seit ihrem letzten Besuch kaum verändert hatte. Auf dem großen Schreibtisch und in den vielen Regalen herrschte noch das gleiche bunte Durcheinander, doch vor dem Kamin standen nun vier grüne Sessel. Mit ihnen war das Zimmer fast ein wenig überfüllt, aber auf Lana wirkte es, trotz des traurigen Vorfalls sehr gemütlich.

Ganz links saß Meister Park aufrecht in seinem Sessel. Sein roter Mantel war zerknittert und seine braunen Locken standen wirr von seinem Kopf ab, als hätte er sich immer wieder die Haare gerauft.

Er sah Lana mit traurigen Augen entgegen. Sie erkannte den Schmerz über den Verlust eines Schülers in ihnen, aber auch einen Funken Hoffnung auf dessen Rettung.

Neben ihm hatte es sich Meister Jun gemütlich gemacht, doch jetzt stand er auf und bot Lana den Sessel zwischen sich und Kenta an.

„Setz dich, Lana. Nimm Schwester Nao ihr Verhalten nicht übel, sie kann nichts dafür. Wenn sie von dem Kräuterschnaps getrunken hat, wird sie wieder sein wie vorher. Dieser Schnaps ist das beste Mittel gegen die Nachwirkungen von bösen Zaubern, Flüchen und sonstigen schlechten Dingen. Wir haben inzwischen herausgefunden, warum wir hier an der Schule die Dämonenwolke nicht sehen konnten. Warum der Zauber der Dämonen aber bei dir nicht gewirkt hat, das wissen wir noch nicht.“

Lana setzte sich auf den freien Sessel. Doch im Gegensatz zu ihrem letzten Besuch lehnte sie sich nicht an, sondern blieb unruhig auf der Kante sitzen.

„Haben sie schon Neuigkeiten von Thomas? Ich weiß, die Chancen stehen nicht gut für ihn, aber ich kann einfach die Hoffnung noch nicht aufgeben, es muss einfach eine Möglichkeit geben ihn zu retten!“

„Bis jetzt noch nicht. Aber es ist bereits ein kleiner Trupp von Wächtern in die Berge aufgebrochen, um nach ihm zu suchen. Sie werden sich aber nicht bis ganz an die Dämonenwolke heran wagen. Da wir noch nicht wissen, welches Ziel die Dämonen verfolgen, ist es schwer ihr weiteres Verhalten einzuschätzen. Vielleicht greifen sie schon bald wieder an, weil sie nicht das Richtige mitgenommen haben. Vielleicht warten sie auch eine Weile, um uns in Sicherheit zu wiegen. Deshalb ist es im Moment zu gefährlich sich in die Nähe der Wolke zu begeben. In den nächsten Tagen werden hier außerdem ein paar Wächter zu Kentas Unterstützung eintreffen, während Meister Park und ich den Schulbetrieb so normal wie möglich am Laufen halten werden. Wir können die Schüler besser hier beschützen, als wenn sie sich alle einzeln oder zu zweit auf den Heimweg machen. Bald stehen die nächsten Prüfungen an, und unser alljährliches Schneefest.“

Meister Jun wollte noch weiter sprechen, aber er wurde von Kenta unterbrochen, der schon einige Zeit ungeduldig in seinem Sessel hin und her gerutscht war.

Lana konnte noch immer nicht glauben, dass sich hinter diesem unscheinbaren alten Mann ein Wächter verbergen sollte. In ihrer Phantasie hatte sie sich Wächter ganz anders vorgestellt, größer, kräftiger, einfach irgendwie beeindruckender.

„So sehr ich deine Gastfreundschaft auch zu schätzen weiß, Jun, es gibt gerade wichtigeres als dieses Fest. Vorhin warst du doch auch noch ganz begierig darauf zu erfahren, woher Lana ihren blauen Stein hat. Also lass sie doch erst einmal ihre Geschichte erzählen. Umso mehr wir darüber wissen, umso besser verstehen wir vielleicht auch, warum die Dämonen hinter dem Stein her sind.“

Lana spürte drei neugierige Augenpaare auf sich ruhen und begann leise und stockend die Geschichte vom Tag ihrer Geburt zu erzählen. Sie ließ weder den Tod ihrer Mutter aus, noch wie ihr Vater sie gleich nach der Geburt in die Berge getragen hatte, um sie mit dem Wasser der Quelle zu waschen.

Zwischendurch, wenn sie nicht auf Anhieb die richtigen Worte fand, nahm sie immer wieder einen Schluck Kakao aus ihrer Tasse, die jedoch nicht leerer wurde.

„Der Stein stammt von dieser Quelle. Ich trage ihn seit dem Tag meiner Geburt immer bei mir.“

„Daher kommt also die enge Verbindung zwischen dir und deinem Talisman. Aber es muss etwas Besonderes mit dieser Quelle auf sich haben. Der Talisman muss besonders mächtig sein, sonst würde das ganze Heer der Dämonen nicht danach gieren. Irgendetwas verheimlichst du uns doch noch.“

Meister Park sah sie mit seinen grauen Augen durchdringend an und Lana wusste, dass es nun an der Zeit war, von ihrem Phoenix zu erzählen.

„Meister Jun, erinnern Sie sich noch an meine Fragen nach den besonderen Tieren, an den ersten Tagen, als ich bei Ihnen Unterricht hatte. Meister Haine hatte mir vorher schon einiges erklärt. Ich weiß es gibt gewisse mystische Tiere wie den sprechenden Fisch, die eine bestimmte Art der Magie verkörpern. Der Fisch im Wasser verkörpert die blaue Magie des Wassers. Der Wolf im Wald die grüne Magie der Erde, der rote Phoenix verkörpert natürlich die rote Magie des Feuers. Ich wollte von ihr und später von Ihnen wissen, ob es auch Tiere gibt, die auf den ersten Blick zu einem bestimmten Element gehören, aber auf den zweiten Blick eine ganz andere Natur haben. Zum Beispiel ein fliegender Fisch oder ein Fisch aus Feuer. Und ich wollte von Ihnen beiden wissen, was der blaue Vogel auf der Karte bedeutet, der ganz in der Nähe von dort, wo sich mein Dorf befand, in den Bergen zu fliegen scheint. Ich denke er ist genau an der Stelle eingezeichnet, an der sich die Quelle befindet, von der ich gerade erzählt habe.“

„Warum willst du das wissen?“

Wieder war es Meister Park, der Lana mit seiner Frage unterbrach und sie gespannt fixierte.

„Sagen Sie mir bitte erst, ob es so etwas gibt. Ich muss das wissen, bevor ich weiter rede.“

„Warum es vor ihr verheimlichen, Park? Es ist zwar altes Wissen, aber durchaus nicht geheim. An anderen Schulen werden die Legenden um diese Tiere schon von Anfang vermittelt. Auch in unserer Bibliothek finden sich Bücher darüber. Ich werde sie morgen einmal raussuchen, dann können wir sie gemeinsam studieren, wenn dir das recht ist, Lana?“

Lana spürte den fragenden Blick von Meister Jun und nickte schnell. Sie hatte das Gefühl, gleich etwas Wichtiges zu hören und die Aufregung hatte ihr den Hals zugeschnürt, sie brachte kein Wort mehr hervor.

„Den Feuerfisch gibt es nicht Lana, aber es soll tatsächlich Tiere oder Naturereignisse geben, die zwei Elemente in sich vereinen. Sie sind aber sehr selten. Oft gibt es nur noch Legenden und Sagen über sie, die schon Jahrhunderte alt sind. Wer so ein Wesen sieht, hat unglaubliches Glück. Doch wer einen Talisman von einem dieser Wesen erhält, besitzt vielleicht die mächtigste Magie, die man sich überhaupt nur vorstellen kann. Wer einen solchen Talisman besitzt, tut gut daran, ihn sicher zu verwahren, denn er wird von bösen Zauberern, Dämonen und wohl auch einigen guten Zauberern gejagt werden, die diesen Talisman für sich und ihre Zwecke einsetzen wollen. Beantwortet das deine Frage?“

„Ja, ich denke schon. Allerdings bin ich mir nicht sicher, wo ich anfangen soll. Am besten bei meinem Vater. In der Nacht, als ich geboren wurde und er mich an der Quelle gewaschen hat, ist dort aus der Quelle ein Phoenix empor gestiegen. Kein roter, feuriger Phoenix, wie man sie vielleicht kennt, sondern ein blauer Phoenix, ein Wasserphoenix, dessen Körper aus Abermillionen kleinen Wassertröpfchen zu bestehen schien. Von seinem Gefieder tropften winzige Wassertropfen zu Boden, wo sie, nach den Worten meines Vaters, zu Fels wurden, dort wo sie auf den Felsen trafen, oder zu Wasser, wenn sie ins Wasser fielen. Ein besonders großer Tropfen landete in dieser Nacht auf meiner Brust, wo er zu leuchten begann und sich verfestigte, bis er zu dem Stein wurde, den ich jetzt um den Hals trage. Das ist jedenfalls das, was mein Vater mir all die Jahre über immer und immer wieder erzählt hat. Es war meine Lieblingsgeschichte. Aber ich kann nicht sagen, ob sie wahr ist oder nicht. Ich war zwar damals dabei, aber erinnern kann ich mich an diese Begegnung mit dem Phoenix nicht. Allerdings habe ich ihn ein Mal gesehen. An dem Tag, als mein Dorf überfallen wurde und ich mich in die Berge retten konnte. Ich kniete neben der Quelle, meine Tränen fielen ins Wasser und plötzlich flog ein Phoenix aus den Tiefen der Quelle empor. Er war so wunderschön, so unglaublich anzusehen, ich kann ihn kaum mit Worten beschreiben. Wie mein Vater es mir erzählt hatte, fielen winzige Tropfen von seinem Gefieder zu Boden. Wo sie mich trafen, heilten sie meine Wunden. Und der Phoenix sang. Sein Lied war so traurig und doch auch so ermutigend. Für einen kleinen Augenblick habe ich ihm direkt in die kalten blauen Augen gesehen, ehe er seine Flügel ausbreitete und in den Himmel flog.“

„Was passierte mit dem Stein, als du den Phoenix gesehen hast?“

„Er leuchtete. Nicht so stark wie er heute im Garten geleuchtet hat, aber fast.“

„Wer außer dir weiß noch von diesem Talisman?“

„Niemand. Bis heute wusste außer mir niemand etwas von diesem Stein. Mein Vater natürlich, aber er kann es niemandem mehr verraten. Und jetzt wissen Sie es.“ Lana hielt kurz inne und überlegte, ob sie ihren Lehrern noch davon erzählen sollte, wie sie ihren blauen Stein als Talisman erkannt hatte, als Kenta plötzlich wieder das Wort ergriff.

„Und dabei sollte es meiner Meinung nach auch bleiben. Oder, Park, Jun, was sagt ihr dazu? Um Lana zu schützen dürfen nur so wenig Menschen wie möglich von der Existenz dieses Steins erfahren. Es ist wichtig dieses Geheimnis zu wahren, bis wir die Pläne der Dämonen kennen.“

„Ach, Kenta, Du bist schon wieder so aufs Praktische aus. Mich würde viel mehr der Phoenix interessieren. Wir müssen Nachforschungen anstellen, diskret natürlich, und herausfinden, wann er zum letzten Mal gesehen wurde. Man muss ihn hier schon einmal gesehen haben, das beweist ja sein Bild auf unserer Karte. Jemand muss ihn dorthin gezeichnet haben. Außerdem sollten wir auch herausfinden, woher die Dämonen von der Existenz des Steines wussten. Und welcher Zauberer ihnen geholfen hat. Aber das ist noch nichts für deine Ohren Lana. Für dich ist am wichtigsten, dich so normal wie möglich zu verhalten. Auch wenn es dir schwer fällt. Bereite dich auf deine Prüfungen vor. Rede mit Sol und Mia über das Geschehene. Und gib deinen Talisman nicht aus der Hand. Wir erteilen dir die Erlaubnis deinen Talisman auch weiterhin zu tragen, denn er scheint dich vor dem Bösen zu beschützen. Trotzdem wirst du von uns ein neues Armband erhalten. Das hat allerdings keine magischen Kräfte, es dient nur zur Ablenkung deiner Mitschüler. Irgendwann müssen wir ihnen natürlich sagen, welche Gefahr ihnen hier droht, doch zuerst müssen wir mehr herausfinden. Wenn es etwas Neues gibt, wirst du es erfahren Lana. Und wenn du Fragen hast, komm zu uns. Nimm deinen Kakao mit nach unten, such dir eine ruhige Ecke und trinke ihn noch vor dem Schlafengehen, er wird für eine ruhige Nacht sorgen. Den morgigen Tag haben wir allen frei gegeben, also schlafe dich aus, die Tage danach werden mit Sicherheit anstrengend.“