Blauer Stein - Die Legende des blauen Phoenix 1

 

Seit dem Tag ihrer Geburt besitzt Lana einen geheimnisvollen blauen Stein. Immer wieder lässt sie sich von ihrem Vater die Geschichte dazu erzählen, wie ein blauer Phoenix aus einer Quelle in den Bergen aufstieg und ihr diesen Stein zum Geschenk machte. In den falschen Händen kann dieser Stein die Welt ins Chaos stürzen, aber davon ahnt Lana nichts. Bis zu dem Tag, an dem Dämonen ihr Dorf auslöschen und sie zur Flucht über die Berge zwingen. Sie trifft auf Meister Park, einen Lehrer und Zauberer, der sie mit ans eine Schule nimmt und ihr hilft die Magie in sich zu entdecken. 

Sie trifft neue Freunde, die ihr helfen über den Verlust ihres Vaters hinwegzukommen und besteht ihre erste Zauberprüfung ganz ohne den Einsatz von Magie.

Doch die friedlichen Tage sind vorbei, als sich eine dunkle Wolke der Schule von Meister Park unaufhaltsam nähert und die Dämonen einen weiteren Angriff auf Lana wagen.

Obwohl Lana dabei zum ersten Mal ihre Magie einsetzt, bleibt das Geheimnis um ihren Stein weiter ungelöst.

 

Als Leseprobe gibt es hier das erste Kapitel, eine längere Leseprobe mit den ersten 6 Kapiteln gibt es zum Beispiel bei Amazon oder Neobooks oder hier zum Download.

Blauer Stein Leseprobe.pdf
Adobe Acrobat Dokument 482.5 KB



 

Blauer Zirkel - Kapitel 1 - Flucht

 

Lana rannte keuchend durch das kleine Wäldchen. Gestrüpp peitschte ihr ins Gesicht, Steine bohrten sich in ihre schuhlosen Füße, doch das kümmerte sie nicht. Mit einer Hand wischte sie sich die Tränen aus den Augen und Strähnen ihrer dunklen Haare, die ihr die Sicht nahmen aus dem Gesicht und rannte weiter. Weg von ihrem Dorf, zu dem einzigen Ort, an dem sie sich in ihrem Leben bisher sicher und geborgen gefühlt hatte.
Ihre Lungen brannten und ihre Seiten stachen, aber noch hatte Lana nicht einmal die Hälfte des Weges hinter sich gebracht. Sie drehte sich nicht um, achtete auch nicht auf die schrillen Stimmen, die nach ihr riefen und immer leiser wurden. Nur weg von hier, das war ihr einziger Gedanke.
Plötzlich blieb sie mit ihrem rechten Fuß in einer Baumwurzel hängen und schlug der Länge nach hin. Statt sofort aufzustehen und weiter zu rennen, blieb Lana liegen und atmete tief durch. Durch die Bäume hindurch konnte sie schon die ersten Felsen erkennen, doch für einen Moment fragte sie sich, ob es nicht besser wäre einfach liegen zu bleiben und auf ihre Verfolger zu warten, auch wenn sie dann vielleicht noch mehr Schmerzen erwarteten.
Doch Lana wusste, wie enttäuscht ihr Vater wäre, wenn sie einfach aufgab, ihr Leben wegschmiss, ohne wirklich alles zu versuchen. Also nahm Lana ihre letzten Kräfte zusammen, raffte sich auf, ignorierte den Schmerz in ihrem Knöchel und rannte weiter, diesmal jedoch mit auf den Boden gerichteten Augen, um einem weiteren Sturz zu entgehen.
Am Waldrand hielt sie kurz inne und lauschte in alle Richtungen nach ihren Jägern. Als sie weder jemanden hören, noch sehen konnte, lief Lana so schnell sie konnte aus ihrer Deckung heraus und auf die felsige Wand des Berges zu, der ihre Rettung sein sollte. Dies war der Weg, den sie in den letzten Jahren am häufigsten gegangen war. Oft allein, doch meist mit ihrem Vater zusammen, der Lana auch in der Nacht ihrer Geburt an den Ort getragen hatte, an dem sie sich jetzt verstecken wollte.

Mit nackten Füßen kletterte Lana über Steine und Felsbrocken und hinterließ eine blutige Spur. Doch das war ihr egal, sie wusste, dass sich außer ihr und ihrem Vater kaum jemand in die Berge wagte. Die Geschichten über Ungeheuer und Geister, die dort leben sollten, waren so schaurig und gruselig, dass allein die Erwähnung des Berges jedermann einen Schauer über den Rücken laufen ließ.
Auch die, die nicht daran glaubten, mussten sich eingestehen, dass doch etwas an der Sache dran sein musste, wenn wieder jemand vom Berg verschluckt worden war, und man nur noch einzelne Knochen fand, verstreut am Fuße des Berges und mit merkwürdigen Kratzspuren versehen. Lana kannte all diese Märchen, doch sie hielt sie für erfunden. In all den Jahren waren weder ihr, noch ihrem Vater Ungeheuer oder Geister auf dem Berg begegnet.
Lana waren die Berge stets als friedlicher Ort erschienen, daran konnten auch die gruseligsten Geschichten nichts ändern. Für sie waren nicht die Berge die Heimat der Geister und Gespenster, Lana stellte sie sich eher in dunklen Hausecken, auf Dachböden oder in den tiefen Wäldern vor, die ihr Dorf und die kleinen Felder umgaben.
Nur in der Nacht ihrer Geburt, als ihre Mutter gestorben war, weil sie zu viel Blut verloren hatte, und ihr Vater sie hoch auf den Berg gebracht hatte, um sie in der Quelle zu baden, hatte er eine Art Erscheinung gehabt.
Es war Lanas Lieblingsgutenachtgeschichte, und ihr Vater hatte sie Lana unzählige Male erzählt. Zuerst hatte er sie vorsichtig mit einem nassen Tuch gesäubert, ehe er sie in das eisige Wasser der Quelle getaucht hatte. Als er sie wieder heraushob, hatte die Quelle auf einmal angefangen zu leuchten, und aus der Quelle war ein blauer Phoenix empor gestiegen. Von seinen Federn tropften blaue Perlen herab, die zu Wasser wurden, wo sie das Quellwasser berührten, oder zu Stein, wenn sie auf den Felsen trafen.
Einer dieser Tropfen war auf Lanas Brust gelandet, blau und leuchtend, weder kalt noch heiß, und hatte sich dort zu einem blauen Stein geformt, der leuchtete, solange der Phoenix über der Quelle schwebte. Der Phoenix flog einige Runden über der Quelle und sang dabei ein langsames, fast wehklagendes Lied, eher er sich in die Lüfte erhob und davon flog.
Seit diesem Tag trug Lana den Stein an einer Kette um ihren Hals und beschützte ihn vor fremden Blicken. Selbst ihrem Vater hatte sie den Stein nur sehr selten gezeigt. Vielleicht weil sie Angst hatte, dass seine Geschichte nicht stimmte, und er ihr eines Tages erzählen würde, der Stein um ihren Hals wäre nur ein ganz gewöhnlicher Stein und der Phoenix, der blaue Phoenix, hätte nie existiert.

Der Gedanke an ihren Vater trieb Lana erneut die Tränen in die Augen. Sie hatte nicht einmal die Chance gehabt, ihn zu beerdigen. Ihr Dorf war von einer Horde Dämonen überfallen worden. Aus welchem Grund, das wusste es nicht. Dort gab es nichts, was für die Dämonen interessant sein könnte, keine Schätze, keine Reichtümer, nur ein kleines Dorf mit seinen Bewohnern.
Die Männer hatten noch versucht ihr Dorf und ihre Familien zu verteidigen, doch sie waren den Angreifern zahlenmäßig und waffentechnisch unterlegen gewesen. Einer nach dem anderen war tot zu Boden gefallen und die Dämonen begannen damit die Häuser in Brand zu setzen, um die Frauen und Kinder heraus zu treiben, um auch sie zu töten.
Lana hatte das Glück, dass die kleine Hütte, in der sie mit ihrem Vater gewohnt hatte, etwas abseits von den anderen Häusern und näher am Wald als diese standen. Sie hatte sich beim ersten Anzeichen von Gefahr in den Wald geflüchtet und von dort alles beobachtet. Innerlich verfluchte sie sich für ihre Feigheit, aber ihr war auch klar, dass sie mit ihren zwölf Jahren kein Gegner für die Dämonen gewesen wäre. Sie hatte nicht gewartet, bis ihr Vater den Dämonen ebenfalls zum Opfer fiel, sondern war geflohen, als er sich mitten im Kampf noch einmal zu ihrem Versteck umgedreht und ihr ein Zeichen gegeben hatte. Es war nur eine kleine Geste gewesen, unverständlich und unwichtig für andere, doch für Lana hatte sie alles bedeutet.
Hätte ihr Dorf einen Zauberer gehabt, wäre die Begegnung mit den Angreifern vielleicht anders verlaufen. Aber ihr Dorf war so klein, dass kein Zauberer es dort lange ausgehalten hatte. Und seit vielen Generationen war dort niemand mehr geboren worden, der über magische Fähigkeiten verfügte. Allein die Geschichten über Zauberer und Dämonen hatten überlebt. Und doch waren sie Lana bis zu diesem Tag stets nur als Märchen, als Geschichten, die man sich an langen, kalten Winterabenden erzählte, vorgekommen. Nie hätte sie damit gerechnet, dass Wahrheit darin stecken könnte, hatte sie doch nie mit eigenen Augen einen Zauberer oder etwas Magisches gesehen. Und auch Dämonen waren ihr nie begegnet. Deren Beschreibung in den Geschichten war jedoch so lebensnah gewesen, dass Lana sie sofort erkannt hatte, als sie das Dorf angegriffen hatten.

Endlich hörte Lana das leise Plätschern der kleinen Quelle, und spürte wie sie ruhiger wurde. Ihre Schritte verlangsamten sich, und endlich gestattete sie sich, zurück zu schauen. Hinter dem Wald sah sie noch immer dunkle Rauchsäulen aufsteigen. Wer sollte die Flammen auch löschen, wenn niemand mehr übrig war aus ihrem Dorf. Sie konnte den Geruch von verbrannten Haaren und Fleisch auch aus dieser Entfernung noch wahrnehmen und wandte sich angeekelt ab.
Neben der Quelle war eine kleine Höhle im Fels, in die sich Lana zurückzog. Sie wagte es nicht ein Feuer mit den von früheren Besuchen übriggebliebenen Ästen zu machen und kauerte sich am Boden zusammen.

Irgendwann musste Lana eingeschlafen sein. Als sie von den Schmerzen in ihrem Körper wach wurde, war es dunkel um sie herum. Am Himmel leuchteten vereinzelte Sterne und in ihrem Dorf, oder dem, was davon übrig geblieben war, schienen auch die letzten Flammen erloschen zu sein. Zum ersten Mal wurde ihr richtig bewusst, dass sie nun ganz allein auf der Welt war. Kein Dorf mehr, zu dem sie gehörte, keine Freunde, keine Nachbarn mehr. Und, was sie viel schlimmer traf, auch der letzte Teil ihrer Familie war gestorben, ihr Vater. Tränen stiegen in Lana auf und sie hielt sie nicht zurück. Sie liefen ihr über die Wangen, tropften von ihrer Nase und durchweichten das Hemd, das sie trug. Eine besonders große Träne fiel genau in die Quelle hinein.
In dem Moment, als sie die Oberfläche des Wassers berührte, fingen das Wasser und der Stein an Lanas Kette an zu leuchten und aus dem Wasser stieg ein blauer Phoenix hervor. Der Stein schwebte vor Lanas Brust in der Luft und wechselte seine Farbe von hellblau zu dunkelblau, zu violett, zu türkis, zu hellblau und immer so weiter. Lana war sprachlos. Sie konnte ihren Blick nicht von dem Phoenix abwenden. Noch nie hatte sie etwas so Schönes und auch so Trauriges gesehen. Seine Federn leuchteten alle in einer anderen blauen Färbung. Sein Schnabel war silbern, wie auch seine Krallen. Er sang ein Lied, das Lana seltsam vertraut vorkam. Sie fühlte, dass es das Lied war, das er auch in der Nacht ihrer Geburt gesungen hatte.
Wasser perlte von seinem Federkleid ab und tropfte zu Boden. Wo es Lana berührte, heilte es ihre Wunden. Ihre Kratzer verschwanden, ihre Füße hörten auf zu bluten und auch ihr Herz wurde leichter. Ein Nebel legte sich über ihren Kummer und ihren Schmerz und ließ die Erinnerungen an den Tod ihres Vaters vorerst verblassen.
Ganz langsam veränderte sich das Lied des Phoenix. Seine Melodie wurde, wenn auch nicht fröhlicher, so doch hoffnungsvoller und ermutigender. Für einen kurzen Augenblick sahen sich Lana und der Phoenix in die Augen, dann schlug er kräftig mit den Flügeln und flog davon in den Sternenhimmel, wo er bald nur noch ein Leuchtpunkt unter vielen war, eher er ganz aus Lanas Blick verschwand.

Es dauerte eine Weile, bis Lana sich wieder beruhigte und merkte, dass der Phoenix all ihre Wunden geheilt hatte. Sie hielt den Stein in ihren Händen, der jetzt nicht mehr leuchtete, aber immer noch einen Hauch von Wärme abstrahlte. Die Geschichte ihres Vaters war wirklich passiert. So unglaublich sie ihr auch manchmal erschienen war, es war die Wahrheit. Diesmal ließ der Gedanke an ihren Vater keine neuen Tränen entstehen.
Lana fühlte, dass der Phoenix auch etwas in ihrem Herzen verändert hatte. Ihre Trauer war noch immer da, aber abgeschwächt und leiser als noch einige Minuten zuvor. Lana hatte Zuversicht in ihrem Herzen, auch wenn sie im Moment nicht wusste, was sie als nächstes tun sollte. Was sie überhaupt machen konnte. Das Lied des Phoenix hatte in ihr die Hoffnung auf eine Zukunft geweckt, von der Lana nicht sagen konnte, wie sie aussah. Fürs Erste legte sie sich hin und versuchte die restlichen Stunden der Nacht zu schlafen. Darüber, wo ihr Weg von nun an hinführte, würde sie sich am nächsten Tag Gedanken machen. Jetzt, in der Dunkelheit der Nacht konnte sie sich ohnehin nicht auf den Weg machen, also würde sie ihre Kräfte sparen und schlafen.

Als Lana wieder erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Die Quelle lag vor ihr und plätscherte leise vor sich hin, so als wäre in der letzten Nacht nichts Bemerkenswertes passiert. Lana streckte sich und untersuchte noch einmal ihre Kratzer und Schnitte vom Vortag, doch alle Wunden waren verheilt, und selbst von den Rissen in ihrem Hemd und ihrer Hose war nichts mehr zu sehen.
Sie sah sich in der Höhle nach nützlichen Dingen um, die sie mit auf ihre Reise nehmen konnte. Hinunter ins Dorf würde sie nicht mehr gehen. Selbst wenn sie sich getraut hätte, Lana war sich sicher, dass sie dort nichts Brauchbares mehr finden würde. Lana erinnerte sich, wie oft sie auf ihren Vater geschimpft hatte, wenn er wieder lauter unnütze Dinge mit in die Höhle genommen hatte. Doch jetzt war sie dankbar für seine Weitsicht. Er hatte immer gesagt, dass sich die Sachen eines Tages noch als sehr nützlich erweisen würden. Und er hatte Recht behalten.
Versteckt in einer Kuhle unter dem kleinen Häufchen Feuerholz lagen all die Dinge, die Lanas Vater nach und nach mit in die Höhle gebracht hatte. Fast schien es ihr, als hätte er gewusst, dass sie eines Tages das Dorf verlassen müsste. Lana fand das Messer, mit dem ihr Vater ihr das Schnitzen und Häuten beigebracht hatte, eine Feldflasche, die sie mit Wasser aus der Quelle füllte, ein Buch über essbare Pflanzen und heilende Wirkungen von Kräutern, zwei Feuersteine, eine kleine Axt, einen ausgebeulten Topf, in dem sie oft über einem Feuer gekocht hatten und viele andere Dinge.
Lana war klar, dass sie nicht alles mitnehmen konnte, doch es fiel ihr schwer etwas davon zurückzulassen. Jeden dieser Gegenstände war mit einer Erinnerung an ihren Vater verbunden, die sie nicht vergessen wollte. Schließlich stopfte sie so viele Dinge wie möglich in ein altes Hemd ihres Vaters, das auch in der Kuhle gelegen hatte, und von ihm in eine Art Beutel umgenäht worden war. Das Messer und die Axt hing Lana an ihren Gürtel, die restlichen Dinge legte sie zurück in das Versteck unter dem Feuerholz, und hoffte dabei im Stillen, dass sie eines Tages zurückkehren würde, um die Dinge zu holen.

Lanas Weg konnte nur in eine Richtung führen. Weg von ihrem Dorf, tiefer in die Berge hinein. Auch wenn sie bisher nie weiter als bis zur Quelle in die Berge vorgedrungen war, für sie führte kein Weg zurück zum Dorf, oder auch nur in die Nähe davon. Sie füllte ihren Bauch mit dem frischen Wasser der Quelle, um dem leichten Hungergefühl vorzubeugen, wagte einen letzten Blick in Richtung ihres Dorfes und machte sich auf den Weg weiter den Berg hinauf.

Mit jedem Schritt wurde ihre Umgebung unwirtlicher, die Pflanzen spärlicher und der Weg immer steiler. Der Wind heulte zwischen den großen Felsbrocken, die ihr den Weg versperrten und klang wie tausend Stimmen. Lana dachte an die Geschichten über die Geister und Ungeheuer, die angeblich in den Bergen hausen sollten. Sie war sich sicher, dass auch der Klang des Windes seinen Teil zur Entstehung dieser Erzählungen beigetragen hatte.
Als es dunkel wurde, hatte Lana keine Ahnung welche Strecke sie an diesem Tag zurückgelegt hatte. Sie hatte nicht auf den Weg oder die Zeit geachtet, sondern war einfach immer weiter nach oben gegangen und wo es nötig war, geklettert. Sie hatte den nagenden Hunger ignoriert, und sich nur ab und zu einen Schluck Wasser aus ihrer Feldflasche erlaubt. An einer halbwegs windgeschützten Stelle ließ sie sich zu Boden fallen und rollte sich zu einem kleinen Bündel zusammen. Ihr Rücken und ihre Füße schmerzten. Doch zu ihrer Verwunderung hatten die spitzen Steine und Felsen keine neuen Wunden an ihren Fußsohlen hinterlassen. Die Wassertropfen des Phoenix schienen Lanas Wunden nicht nur geheilt, sondern sie auch gegen neue Verletzungen geschützt zu haben.

Wie viele Tage Lana auf dem Berg umherirrte, sie hätte es nicht sagen können. Schon nach zwei oder drei Tagen hatte sie jegliches Zeitgefühl verloren, und sich nur noch langsam voran geschleppt. Es war ihr immer schwerer gefallen einen Fuß vor den anderen zu setzen, und der Hunger war ihr immerwährender Begleiter geworden. Sie hatte keine Pflanzen mehr gesehen, die sie hätte essen können. Nicht einmal Moos oder Flechten bedeckten die kahlen grauen Steine des Berges, und Lana spürte wie die Zuversicht in ihr mit jedem Schritt ein wenig mehr schwand.
Sie wusste nicht, wo sie sich befand, ob sie vorwärts gekommen war, oder sich die ganze Zeit im Kreis bewegt hatte. Um sie herum sah alles gleich aus, und sie war sich sicher, dass sie nicht mehr lange durchhalten würde. Ihre Kräfte schwanden von Stunde zu Stunde, in ihrer Feldflasche war nur noch ein kleiner Rest Wasser übrig, und weit und breit war kein Anzeichen menschlicher Existenz zu erkennen.
Aber noch wollte Lana nicht aufgeben. Sie wollte den Berg bezwingen, ihn überqueren und alles was dann hinter ihr lag, vergessen und etwas Neues beginnen. Sie stützte sich mit den Händen an den Felsen ab und schleppte sich langsam weiter vorwärts. Erst nach einer Weile bemerkte Lana, dass ihr die Schritte plötzlich etwas leichter fielen. Ihr Weg führte sie nicht mehr bergan sondern schlängelte sich flach über eine Ebene und fing nach einer Weile sogar an sanft abzufallen. Neuer Mut regte sich in ihr, und Lana nahm ihre letzten Kräfte zusammen, um ihren Weg fortzusetzen.

Als die Nacht hereinbrach, fühlten sich ihre Beine an wie Steine. Ihre Füße waren beinahe taub, und noch immer war ihr niemand begegnet. Lana ließ ihren Blick umherschweifen und entdeckte weit unter sich ein kleines Flackern, das von einem Feuer stammen konnte. Ihr war egal wer sich an diesem Feuer wärmte, ob es Räuber, Wegelagerer oder Reisende waren, Lana musste dorthin gelangen. Sie wollte nicht allein auf diesem Berg sterben. Die Gesellschaft, selbst von Vagabunden, erschien ihr verlockend genug, um ihre Schritte zum Feuer zu lenken, was immer sie dort auch erwartete.
Als sie näher kam, konnte Lana im Schein des Feuers einen Wagen ausmachen, neben dem ein Pferd langsam Heu aus einem Beutel zupfte. Um das Feuer herum saßen mehrere Gestalten. Eine war viel größer und kräftiger als die anderen, die Lana teilweise so vorkamen, als wären sie nicht größer als sie selbst. Es schien als säße dort eine Familie am Feuer, auch wenn sie in der kräftigen Gestalt nur den Vater ausmachen konnte und von der Mutter keine Spur zu sehen war.
Über dem Feuer hing ein großer Topf, in dem eine Art Eintopf vor sich hin köcheln musste. Der Duft zog hinauf bis in Lanas Nase und ließ sie ihre Schritte beschleunigen. Alle Furcht hinter sich lassend, den Blick auf das Feuer und den Topf gerichtet, achtete Lana nicht mehr auf den Weg und so kam es, dass sie stolperte, ins Rutschen geriet und in einer kleinen Steinlawine den Hang hinab kullerte. Sie versuchte sich so klein wie möglich zu machen und ihren Kopf zu schützen. Ein stechender Schmerz durchzuckte ihren linken Arm, mit dem sie ihr Bündel fest an sich drückte, dann blieb sie endlich nah am Feuer liegen.